5. und letzter Tag in Athen

Unser letzter gemeinsamer Tag in Athen ist angebrochen und es warten noch zwei wichtige Termine auf uns.

Hellenic Red Cross

Wir trafen uns früh morgens im Büro des Hellenic Red Cross mit der Leiterin Zefi Thanasoula. Sie stellte sich und die Arbeit des Hellenic Red Cross vor.  Dessen Aufgabenbereich liegt in Athen vor allem bei der humanitären Grundversorgung (Essensversorgung, Kinderbetreuung, Wasserversorgung, Ausgabe von Decken und Schlafsäcken). Das Hellenic Red Cross ist momentan in Griechenland in insgesamt acht Camps aktiv und steht in enger Zusammenarbeit mit dem griechischen Staat sowie mit dem neuen Ministerium für Migration von Athen. Die aktuelle Unterbringungssituation sei laut Zefi schwierig und eigentlich keine dauerhafte Lösung, da vor allem in den außerhalb gelegenen Lagern keine Integration Geflüchteter stattfinden könne.

 

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Einsatzorte des Hellenic Red Cross. Quelle: Zifa Thanasoula (Leiterin des Hellenic Red Cross)

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Interview in den Räumlichkeiten des Hellenic Red Cross mit Zefi Thanasoula. Quelle: Laurenz Blaser

Seit Beginn der Krise habe sich die Gesamtsituation in Griechenland verändert. Im Moment gebe es in ganz Griechenland keine starken Flüchtlingsbewegungen mehr, wodurch sich auch die Arbeit des Roten Kreuzes ändern beziehungsweise anpassen müsse. Es sei ein großes Bedürfnis an psychologischer Betreuung vorhanden. Zurückzuführen sei dies auf den schwierigen Zugang zur legalen Registrierung, was zu Frustration und Spannungen führt. Es käme auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und es müssten  Lösungen für diese Konflikte gefunden werden. Größte Herausforderung sei die Koordination und Kommunikation zwischen den verschiedenen Organisationen, den NGO’s und dem Staat.

Als wir fragten: „How would you solve these problems?“ bekamen wir eine sehr klare Antwort: „In closing the camps!“. In der Realität sieht die Umsetzung leider anders aus und Zefi verwies auf das Elliniko Camp als gescheitertes staatliches Projekt. Als gutes Beispiel staatlicher Unterbringung nannte sie das Eleonas Camp, welches wir im Laufe des Tages noch besichtigen werden würden.

Eleonas Camp

Nachmittags stand dann unsere Führung durch das Eleonas Camp an, für einige von uns die erste Besichtigung eines griechischen Flüchtlingslagers. Das Containerdorf steht unter staatlicher Hand und ist das am zentralsten gelegene Camp Athens. Das Lager liegt in einem teils verlassenen,  staubigen und heruntergekommenen Industriegebiet und ist von der Straße aus nicht sichtbar. Das Camp ist durch hohe Zäune und ein Tor von der Umgebung deutlich abgetrennt, der Eingang wird von zwei bewaffneten Polizisten bewacht.
Nach längerem Warten trafen wir uns mit Mahmud, dem verantwortlicher Koordinator des Camps. Er führte uns über das Gelände und zeigte uns drei verschiedene Sektionen: Sektion A  war vorgesehen für schwangere Frauen und alleinstehende Frauen mit Kindern, Sektion B für Familien und Sektion C für alleinstehende Männer bis 30 Jahre.  Der Einblick in den letzten Abschnitt blieb uns verwehrt, welcher nochmals durch Zäune von den anderen Sektionen abgetrennt war.  Insgesamt wohnen hier um die 2300 Menschen. 16 Personen teilen sich zurzeit einen Container (jeweils zwei Zimmer á acht Personen) mit einer Dusche und einer Toilette, Klimaanlagen sind in jedem Container eingebaut. Vor Kurzem kam es für zehn Tage zu Stromausfall – eine unerträgliche Vorstellung, sich tagsüber bei bis zu 30°C ohne funktionierende Klimaanlage in den Containern aufzuhalten. Wir konnten eine Ein- und Ausgangskontrolle beobachten. Im Gegensatz zum Camp in Piräus ist uns aufgefallen, dass wenige Menschen im Camp zu sehen waren. Ob die Menschen sich in die Container zurückgezogen hatten oder zum großen Teil sich außerhalb des Camps aufhielten, konnten wir nicht herausfinden.

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Containerreihe im Eleonas Camp. Quelle: Theresa Kalmer

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Auf dem Weg zum Camp – es liegt mitten in einem Industriegebiet. Quelle: Theresa Kalmer

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Der Eingang des Camps kann durch ein Tor verschlossen werden. Quelle: Teresa Kalmer

Notara 26 und Abschlusstreffen

Am Abend traf sich eine Kleingruppe mit dem griechischen Aktivisten aus Exarchia, von dem Marlon, Kathrin und Paulina am Dienstag zur Assembly des besetzten Hauses Notara 26 eingeladen worden waren. Dort konnten wir noch einiges über die Geschichte der Hausbesetzungen in Athen und die Strukturen innerhalb von Exarchia in Erfahrung bringen. An dem eigentlichen Treffen der Aktivist_innen und Geflüchteten konnten wir aus zeitlichen Gründen leider nicht mehr teilnehmen.

Abschließend trafen wir uns noch einmal alle zum gemeinsamen Abendessen bei René, um die Gesamtheit der Ergebnisse zu „clustern“, wertvolle Erfahrungen und Erlebnisse des Tages und der Woche auszutauschen und zu resümieren. Unser Fazit: eine gelungene, bewegende, erkenntnisreiche Exursion mit einer sehr tollen Truppe!

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Tag 4 in Athen

Auch der vierte Exkursionstag war sehr ereignisreich, bot aber auch Zeit zum Ausruhen und Verarbeiten der vielen Eindrücke, die wir bereits gesammelt hatten. Da das für diesen Tag geplante Interview mit Solidarity Now aufgrund von Platzmangel nur von drei Leuten durchgeführt werden konnte, hatte der Rest der Projektteilnehmer_innen Zeit, an den schriftlichen Exkursionsberichten zu arbeiten oder einfach im Hostel oder dem touristischen Teil von Athen zu entspannen. Auch das am Vortag verpasste Treffen mit dem Geflüchteten Mansoor, den wir am Viktoriaplatz kennengelernt haben, konnte nachgeholt werden und das Elliniko-Camp besichtigt werden.

Solidarity Now ist ein Projekt, das sich um die temporäre Unterbringung von Geflüchteten kümmert, die im Rahmen des europäischen Umsiedlungsprogramms in ein anderes EU-Land umgesiedelt werden sollen. Solidarity Now arbeitet dabei eng mit dem UNHCR zusammen. Während des interessanten Interviews erfahren wir, dass im Moment durch dieses Projekt gerademal 23 Geflüchtete eine dezentrale Wohnung in Athen gefunden haben, und dies begrenzt auf zwei Monate, da sie danach ja umziehen sollen. Ziel des Projekts ist es, in Griechenland 700 Menschen auf begrenzte Zeit unterzubringen.

Das Elliniko-Camp wurde im Dezember 2015 von der griechischen Regierung eröffnet und befindet sich in einem ehemaligen olympischen Sportzentrum. Mansoor aus dem Viktoriapark ist zurzeit hier untergebracht und lud Paulina, Laurenz und Saskia ein, ihn und seine Familie im Camp zu besuchen. Wir nahmen die Einladung sehr gerne an und besuchten das Camp am Mittag. Ein ausführlicher Bericht über den Camp Besuch kann bald auf diesem Blog gelesen werden.

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Mansoor zeigt uns den Eingang zum Camp. Foto: Saskia Hirtz

Eine andere Teilgruppe unseres Projekts besuchte noch ein paar weitere besetzte Häuser und wurde zu einer Diskussionsveranstaltung an der Uni eingeladen, bei der über die verschiedenen Besetzungen berichtet wurde. Auf unsere Frage nach der Akzeptanz der Besetzungen durch die Politik antwortete eine Aktivistin: „In Athens, we squat a house just to drink a cup of tea“; meint dadurch wohl, das Hausbesetzungen sehr viel öfter durchgeführt werden als in Deutschland und gesellschaftlich sowie politisch akzeptierter sind.

Bei der abendlichen Projektsitzung berichteten wir uns dann gegenseitig von unseren Erlebnissen und feierten den Geburtstag von Jannis.

 

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Projektbesprechung und Geburtstagsfeier am Abend. Foto: Laurenz Blaser

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3. Tag – produktiv, konstruktiv

Der heutige Tag diente der Vertiefung unserer bisherigen Erkenntnisse und der Sammlung von neuem Wissen. Die unterschiedlichen Gruppen bekamen die Möglichkeit erneut ihre Untersuchungsgebiete aufzusuchen.

Die Gruppe „Hafen Piräus“ arbeitete gemeinsam mit NGOs am Camp mit, um einen Eindruck von der Organisation zu bekommen. Parallel dazu wurden einige interessante Interviews geführt. Sodass wir einen guten Überblick bekommen haben. Von mehreren Seiten wurde uns mitgeteilt, dass immer wieder Menschen von staatlichen Camps zurück in das inoffizielle Camp zurückkehren. Weiters bekamen wir einen Einblick in die unterschiedlichen Konflikte der einzelnen NGOs untereinander.

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Informelle Behausung von Geflüchteten in Piräus (Foto: Jakob Holzer)

Die Gruppe „besetzte Häuser“ machte eine Vor-Ort-Anleitung des besetzten Plaza-Hotels, in dem 300 Geflüchtete untergebracht sind. Die Kontaktaufnahme mit Bewohner_innen und Aktivist_innen gestaltete sich allerdings als schwierig. Am Abend besuchte die Gruppe eine studentische Veranstaltung auf der Universität Athen mit dem Schwerpunkt Unterbringung von Geflüchteten in Athen. Hierbei ergaben sich am Rande mit Aktivist_innen interessante Gespräche. Wir haben eine Zusage für ein schriftliches Interview.

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Der Victoria-Platz ist  historsch ein Platz des Austausches (Foto: Saskia Hirtz)

Die Gruppe um den Vicotria-Platz verpasste leider ein Treffen mit Geflüchteten aufgrund von Missverständnissen. Dieses wird am nächsten Tage nachgeholt, wir sind gespannt. Daneben wurde der Gruppe ein schöner Flyer mit einer Übersicht der unterschiedlichen Angebote der NGOs ausgeteilt; ein christliches Caritas-Zetnrum wurde vor Ort angeleitet.

Der Tag brachte sehr viele neue Erkenntnisse über die unterschiedlichen Situationen der Geflüchteten, die in engagierter Arbeit in den Olivenhainen vertieft werden. Die Arbeit ist anstrengend aber ertragreich. Wir freuen uns auf die weiteren Programmpunkte unserer Exkursion.

Stay tuned.

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2. Tag in Athen

Unser zweiter Tag startete mit einem Treffen im Rathaus mit dem Vize-Bürgermeister Lefteris Papagiannakis, der zuständig ist für Migrations- und Flüchtlingsangelegenheiten, und Antigone Kotanidis, Beraterin des Bürgermeisters für Migrations- und Flüchtlingsangelegenheiten. Das Team besteht seit kurzem und setzt sich aus  vier Personen zusammen und ist für Griechenland einzigartig. Erstaunlich war ihre Offenheit im Umgang mit kritischen Fragen zur Unterbringung, sowie zu Intergrationsfragen. Ihre Schilderungen stützten unsere Erkenntnisse des ersten Tages, dass Griechenland sehr zentralistisch ist und Kommunen geringe Handlungsspielräume haben.

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Der Vize-Bürgermeister und die Beraterin des Bürgermeister im Gespräch (Foto: Laurenz Blaser)

Die Herausforderungen für die Stadt Athen sind sehr groß und vielfältig, insbesondere seit der Schließung der Balkan-Route hat sich Athen (und Griechenland) von einem Ort des Transits zu einem Ort des Ankommens gewandelt. Athen setzt sich mit der neu besetzten Abteilung besonders auf EU-Ebene für eine Koordinierung der Städte in Flüchtlingsfragen ein, um Wissen und Erfahrung auszutauschen, aber auch um Gelder von der EU-Kommission zu akquirieren. Zentral dabei ist das EUROCITIES-Netzwerk: „We are pressuring on European institutions for direct funding to the cities.“ Auf nationalstaatlicher Ebene versucht das Team gemeinsam mit anderen griechischen Städten Druck auf die Regierung aufzubauen, um überhaupt das Thema Integration auf die griechische Policy-Agenda zu setzen.

Am Nachmittag trafen wir uns mit einem der Hauptorganisatoren des Greek Council of Refugees Kazim Royish, der selber 2002 in Griechenland als Geflüchteter angekommen ist.Er gab uns einen Einblick in die Perspektive der Geflüchteten. Hauptkonsequenz des EU-Türkei-Deals sei es, dass mehr Geflüchtete an den Grenzen Europas sterben würden und die Schleuser mehr Geld verdienen würde.Menschen die beschließen ihre Heimat zu verlassen aufgrund von Bürger_innenkrieg wie in Syrien ließen sich nicht durch besser gesicherte Grenzen abhalten die Flucht zu versuchen.

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Unsere Gruppe im Rathaus von Athen (Foto: Laurenz Blaser)

Das Greek Forum for Refugees unterstützt selbstorganisierten Protest und versteht sich als Netzwerk zwischen den migrantischen Communities, NGOs und staatlichen Strukturen. In den letzten Monaten leistete das Forum so einen wichtigen Beitrag dazu, dass sich Geflüchtete in Idomeni und im Eleonas Camp in Athen zusammenschlossen, um ihre Meinung gegen die unhaltbaren Zustände in den Camps zu artikulieren. Das Forum ist weiters auch eine Plattform der unterschiedlichen migrantischen Gruppen und leisten so eine wertvollen Beitrag zur Integration in die griechische Gesellschaft.

 

 

 

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1. Tag in Athen

Die Exkursion nach Athen hat begonnen. Unsere Ziele für die Forschung sind hoch gesteckt. Wir möchten viele verschiedene Menschen treffen und interviewen, Eindrücke sammeln und neue Erkenntnisse gewinnen. Untergebracht ist unsere Gruppe im Zentrum der Stadt in der Nähe des Omonia-Platzes.

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Gespräch mit Prof. Dia Anagnostou von ELIAMEP (Foto: Laurenz Blaser)

 

Der erste Tag startete vielversprechend mit einem Interview mit Prof. Dia Anagnostou, Assistenzprofessorin für Politikwissenschaften an der Panteion Universität in Athen und wissenschaftliche Mitarbeiterin am ELIAMEP (griechisches Forschungsinstitut für Europa- und Außenpolitik), und einem ihrer Mitarbeiter. Dia Anagnostou und ihr Team gaben uns einen tiefen Einblick in die Entwicklung der Flüchtlingsthematik. Dabei stellte sich heraus, dass die griechische Regierung keine Strategien und Ziele der Integration von Geflüchteten besitzt. Die Aktionen und Institutionen auf den Inseln und in Athen sind „ad-hoc structures“. Vieles läuft nur über das Engagement von Freiwilligen und NGOs. Seit 2016 beginnt der Staat die NGOs vermehrt zu isolieren, allerdings hat seit dem Regierungsantritt von SYRIZA die repressive Politik nachgelassen: push-back Operationen sind nicht mehr an der Tagesordnung und detention centres wurden geschlossen. Wichtig zu erwähnen ist, dass Flüchtlingsangelegenheiten in die nationale Zuständigkeit fallen – Griechenland ist sehr zentralistisch organisiert.

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Feldforschung (Foto: Laurenz Blaser)

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Besprechung der Ergebnisse (Foto: Laurenz Blaser)

Nach dem Interview ging es direkt in die Feldforschung. Das Projekt teilte sich in drei Kleingruppen auf. Eine Gruppe besuchte das informelle Camp am Hafen in Piräus, eine andere den Victoria Platz, der historisch gesehen für den Austausch Migrant_innen eine wichtige Rolle spielt und die letzte Gruppe versuchte mit Flüchtlingswohnprojekten in besetzten Häusern im Stadtteil Exarchia Kontakt aufzunehmen. Ausführliche Informationen zu den einzelnen Forschungsgruppen gibt es unter bei den einzelnen Seiten: Hafen Piräus, besetzte Häuser, Victoria Platz.

Wir freuen uns auf die nächsten Tage und sind beeindruckt von der Stadt.
Stay tuned.

 

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Artikel in PlanerIn und Planik veröfflicht

Wir dürfen feierlich die Veröffentlichung von zwei unerschiedlichen Artikeln verkünden. Zum einen durften wir eine Reportage in der studentischen Zeitschrift PLANIK (Nr. 75) publizieren, in der wir die Flüchtlingsunterkunft in der Motardstraße in Berlin untersucht und besucht haben. Zum anderen wurde uns die Möglichkeit gegeben in der Zeitschrift PlanerIn (2/2016) der SRL, die das Überthema Flucht und Zuwanderung hatte, einen Artikel zu veröffentlichen.

Links zu den Publikationen und Organisationen sind unter dem Reiter Publikationen zu finden und folgen.

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Willkommen auf unserem Blog

Herzlich willkommen auf dem Blog des Studienprojekts Fürsorgliche Exklusion – migrantische Lebensverhältnisse, Fluchtmigration und kommunale Integrationspolitik. Das Studienprojekt wird im Rahmen des Bachelorstudiengangs Stadt- und Regionalplanung auf der Technischen Universität angeboten. Durchgeführt wird das Projekt von René Kreichauf gemeinsam mit engagierten Studierenden der Stadt- und Regionalplanung im zweiten und vierten Semester.

Der Blog dokumentiert unsere Arbeit und die Ergebnisse unserer Exkursion nach Athen oder der Veranstaltungen und Publikationen.

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